Garmisch-Partenkirchen · 2026

Lokale Demokratie
sichtbar machen.

Eine qualitative Situations- und Ressourcenanalyse der Demokratieförderung im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Sechs Schlüsselakteur:innen, drei Themenblöcke, ein bedarfsorientiertes Handlungskonzept.

01 — Projekt

Warum diese Studie?

Demokratie wird lokal gelebt — und steht lokal unter Druck. Polarisierung, Desinformation und gruppenbezogene Abwertung belasten Vertrauen und Kooperation gerade dort, wo Bürger:innen im Alltag mit demokratischen Strukturen in Berührung kommen.

Die Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Garmisch-Partenkirchen benötigt eine empirische Grundlage für ein bedarfsorientiertes Handlungskonzept. Diese Studie liefert sie — wissenschaftlich fundiert, kontextsensibel und ausdrücklich ohne fertige Maßnahmen­vorschläge. Die Entscheidung liegt beim Auftraggeber.

Sichtbar

Ausgangslage demokratischer Teilhabe erfassen

Verortet

Strukturelle & soziale Problemfelder identifizieren

Anschlussfähig

Ressourcen, Netzwerke & Potenziale aufzeigen

Über unser Projekt

Was ist eine Situations- und Ressourcen­analyse?

Eine Situations- und Ressourcenanalyse untersucht einerseits bestehende Problemlagen und Herausforderungen und andererseits bereits vorhandene Potenziale, Netzwerke, Angebote und Handlungsmöglichkeiten. Sie dient dazu, nicht nur Defizite zu benennen, sondern auch Stärken und Entwicklungs­chancen sichtbar zu machen. Gerade im Bereich der Demokratieförderung ist dies besonders wichtig, weil nachhaltige Lösungen nur dann entstehen können, wenn lokale Gegebenheiten differenziert verstanden werden.

Vom Bericht zum Handlungskonzept

Das Projekt mündet in ein Handlungskonzept, das als Grundlage für die weitere Arbeit lokaler Akteur:innen dienen kann. Es zeigt auf, welche Themen priorisiert werden sollten, welche Zielgruppen stärker erreicht werden müssen, welche Kooperationen sinnvoll sind und wie demokratische Teilhabe vor Ort gestärkt werden kann.

Hochschule trifft Praxis

Als Studierende bringen wir wissenschaftliches Arbeiten, gesellschaftliche Sensibilität und eine anwendungs­orientierte Perspektive zusammen. Das Projekt verbindet Lehre, Forschung und Praxis und zeigt, wie Hochschulwissen in konkrete gesellschaftliche Handlungsfelder übersetzt werden kann.

Projektziele

Sichtbar machen, was vor Ort wirkt.

Demokratieförderung kann nicht sinnvoll „von außen" vorgeschrieben werden.

Das Projekt verfolgt das Ziel, lokale demokratiebezogene Herausforderungen, bestehende Ressourcen und relevante Bedarfe systematisch sichtbar zu machen. Dazu werden unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt — aus Verwaltung, Zivilgesellschaft, Jugend(sozial)arbeit, Bildung und lokalen Netzwerken. Die Ergebnisse sollen nicht nur beschrieben, sondern in ein Handlungskonzept überführt werden, das konkrete Ideen und Ansatzpunkte für lokale Stakeholder enthält.

Die Projektarbeit umfasst die Auswertung relevanter Literatur und Hintergrund­informationen, die Einbindung unterschiedlicher Stakeholder, qualitative Gespräche und die strukturierte Zusammenführung der Ergebnisse. Ergänzend werden lokale Perspektiven aus dem Feld berücksichtigt, um Herausforderungen, Ressourcen und Bedarfe möglichst praxisnah abzubilden.

Ein partizipativer Zugang ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen ernst zu nehmen und daraus ein Handlungskonzept zu entwickeln, das realistisch, kontextsensibel und anschlussfähig ist.

Hintergrund

Was bedeutet Demokratie?

Demokratie ist weit mehr als ein politisches Regierungssystem. Sie ist eine Gesellschaftsform, die auf Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde, Pluralismus und Beteiligung beruht. Demokratie bedeutet, dass politische Macht begrenzt, kontrolliert und legitimiert wird. Zugleich setzt sie voraus, dass Menschen ihre Meinung frei äußern können, dass Minderheiten geschützt werden und dass Konflikte friedlich und institutionell bearbeitet werden — sie schafft die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt, politische Teilhabe und friedliche Auseinandersetzung.

Auch die Europäische Union beruht auf gemeinsamen demokratischen Grundwerten; Demokratie ist hier also nicht nur nationale Selbst­bestimmung, sondern auch ein grenzüberschreitendes Werte- und Rechtsprojekt. Gegenwärtig stehen genau diese demokratischen Wertvorstellungen jedoch vor zahlreichen Herausforderungen.

Gesellschaftlich

Politische Polarisierung, Desinformation, Vertrauensverlust in Institutionen, soziale Ausgrenzung, Extremismus sowie die sinkende Bereitschaft, sich langfristig gesellschaftlich zu engagieren.

Digital

Digitale Kommunikationsräume verändern demokratische Prozesse. Informationen verbreiten sich schneller, aber nicht immer verlässlich. Daraus entstehen neue Anforderungen an politische Bildung, Medienkompetenz und demokratische Resilienz.

Lokale Ebene

Demokratie wird vor Ort konkret.

Sie zeigt sich in Vereinen, Schulen, Jugendtreffs, kommunalen Einrichtungen, Initiativen, Bürgerdialogen und informellen Begegnungsräumen. Gerade auf lokaler Ebene wird sichtbar, ob Menschen sich einbringen können, ob unterschiedliche Gruppen miteinander in Austausch kommen und ob Beteiligung tatsächlich zugänglich ist. Lokale Demokratieförderung gelingt nur dann, wenn verschiedene Akteur:innen einbezogen werden.

Unser Projekt konzentriert sich auf den Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Ziel ist es, lokale Bedingungen differenziert zu betrachten und die spezifischen Herausforderungen und Potenziale dieses Raumes zu verstehen. Dabei geht es nicht um abstrakte Aussagen über Demokratie, sondern um konkrete demokratierelevante Dynamiken vor Ort.

  • 01Welche gesellschaftlichen Spannungen sind lokal wahrnehmbar?
  • 02Welche Formen demokratischer Teilhabe funktionieren bereits gut?
  • 03Welche Zielgruppen werden bisher gut erreicht — und welche weniger?
  • 04Welche Ressourcen, Netzwerke und Schutzfaktoren bestehen bereits?
  • 05Welche Bedarfe ergeben sich daraus für die zukünftige Demokratieförderung?

Kernbefund

„Die Formate sind vorhanden, aber ein bisschen weit weg von Kindern und Jugendlichen — theoretisch vielleicht vorhanden, aber praktisch einfach nicht genutzt."
— Sachgebietsleiter Jugendamt · Int3, Z. 41–46

Empirische Forschungsfrage

Welche lokalen Herausforderungen, Ressourcen und Bedarfe der Demokratieförderung nehmen zentrale Akteur:innen im Landkreis GAP wahr — und welche Ansatzpunkte ergeben sich daraus für ein bedarfsorientiertes Handlungskonzept?

02 — Methodik

Qualitativ. Explorativ. Partizipativ.

Kontextsensible Rekonstruktion von Wahrnehmungen statt Variablen­messung.

Design

Qualitativ-explorativ, partizipativ. Sechs leitfadengestützte Expert:innen-Interviews (Witzel 2000).

Sampling

Relevance Sampling (Krippendorff 2004) über die Akteurs-Liste der Partnerschaft für Demokratie.

Erhebung

Drei Themenblöcke · 18–30 Min · Teams & Telefon · transkribiert und pseudonymisiert.

Auswertung

Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2014/15), deduktives Kategorien­system, MAXQDA.

03 — Informationsquellen

Wer wurde befragt?

CodeRolle / FunktionSektorSetting · DatumSoziodemografie
Int1StreetworkJugend(sozial)arbeitTeams · 07.04.26w · 32 J. · Bachelor
Int2Jugendzentrum & GemeindejugendpflegeJugendarbeit / VerwaltungTeams · 16.04.26m · 35 J.
Int3Sachgebietsleiter Amt für Kinder, Jugend & FamilieVerwaltungTeams · 16.04.26m · 51 J.
Int4Jugendsprecher Naturfreunde · KreisjugendringZivilgesellschaftTeams · 29.04.26m · 27 J.
Int5Leiter einer PolizeiinspektionSicherheitsbehördeTelefon · 22.04.26m · 61 J.
Int6Vorsitzender Partnerschaft für DemokratieVerwaltung / PolitikTelefon · 21.05.26m · 71 J.

Gemeinsamer Nenner: ausgeprägter Fokus auf Kinder & Jugendliche als zentrale Zielgruppe; Int5 und Int6 ordnen breiter gesamtgesellschaftlich ein.

04 — Ergebnisse

Befunde entlang des Kategorien­systems

Herausforderungen

  • Mehrere Befragte berichten von einer gezielten rechtsextremen Ansprache 14- bis 16-jähriger Jugendlicher, etwa durch Aufkleberkampagnen im öffentlichen Raum und durch Kleingruppen im Umfeld von Schulen und Treffpunkten.
  • Im Landkreis ist eine sozialräumliche Spaltung zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen spürbar, die sich auf das Vertrauen in lokale Institutionen und auf die Bereitschaft zur gemeinsamen Beteiligung auswirkt.
  • Soziale Medien wirken als Verstärker polarisierender Inhalte; das auffällig hohe AfD-Ergebnis bei der U18-Wahl wird von den Interviewten als Warnsignal für die Wirksamkeit dieser digitalen Mobilisierung gewertet.
  • Demografische Alterung und der stark touristische Charakter der Region erschweren langfristiges Engagement und prägen, welche Themen lokal überhaupt sichtbar werden.

Ressourcen

  • Mit dem Kreisjugendring, der kommunalen Jugendarbeit, der Partnerschaft für Demokratie und mehreren Jugendzentren existieren etablierte Strukturen, auf die Demokratieförderung im Landkreis verlässlich aufbauen kann.
  • Das Werdenfels Bündnis ist als zivilgesellschaftlicher Akteur fest verankert und übernimmt eine wichtige Brückenfunktion zwischen Initiativen, Verwaltung und engagierten Bürger:innen.
  • Als Good-Practice-Beispiele werden insbesondere das Netzwerk „Schule ohne Rassismus" sowie das Demokratiereferat in Murnau hervorgehoben, die als Anknüpfungspunkte für weitere Aktivitäten dienen können.
  • Zugleich besteht eine deutliche Lücke bei selbstbestimmten, jugendgeleiteten offenen Räumen, in denen junge Menschen Themen eigenständig setzen und demokratische Praxis erfahren können.

Kooperation & Wirkung

  • Die Vernetzung zwischen den Akteur:innen wird sehr unterschiedlich beschrieben — von „sehr gut" innerhalb einzelner Behörden bis hin zu „gar nicht vorhanden", wobei mehrfach die Konkurrenz um Fördermittel als belastender Faktor benannt wird.
  • Bestehende Angebote erreichen vor allem bereits politisch interessierte und gut vernetzte Personen, während strukturell ausgeschlossene Gruppen weiterhin schwer zu erreichen sind.
  • Soziale Medien werden bislang nur punktuell als Zugang zu Jugendlichen genutzt und stellen ein deutliches, aber ausbaufähiges Potenzial für niedrigschwellige Demokratiearbeit dar.
  • Erfolgsmaßstäbe sind uneinheitlich: Manche orientieren sich an der U18-Wahl, andere an Projektzahlen oder schlicht an der Präsenz vor Ort — ein gemeinsames Verständnis von Wirkung fehlt bislang.

Vertiefung: dasselbe Feld, gegensätzliche Wahrnehmung

Streetwork · Int1

„Die Vernetzung ist teils gar nicht vorhanden — aus einer Konkurrenzhaltung um Mittel heraus."

Polizei · Int5

„Die behördeninterne Vernetzung über persönliche Kontakte ist sehr gut."

Jugendzentrum · Int2

„Gemeindeintern sehr gut — aber holpriger Draht zu Schulamt, Landratsamt und kommunaler Jugendarbeit."

Verwaltung · Int3

„Durch die vorhandenen Institutionen gegeben und insgesamt gut — ,sehr gut' wäre übertrieben."

Muster: Persönliche Nähe stärkt die Vernetzung — die sektorübergreifende Zusammenarbeit bleibt heterogen und ist von Konkurrenz um Mittel überlagert.

05 — Fazit · Denkanstöße

Fünf Handlungsfelder — die Entscheidung liegt beim Auftraggeber.

01

Qualität der Beteiligung

Bestehende Beteiligungsformate wie Jugendgremien oder Bürgerdialoge erreichen zwar Engagierte, bleiben jedoch oft folgenlos. Es stellt sich die Frage, wie diese Gremien mit verbindlichen Rückmelde- und Einflussmöglichkeiten ausgestattet werden können, damit Teilnahme spürbare Wirkung entfaltet und nicht in symbolischer Mitsprache stehen bleibt.

02

Mobilisierungsbias

Die Auswertung zeigt, dass demokratische Angebote überwiegend ohnehin politisch interessierte Gruppen erreichen. Zentral ist daher, wie aufsuchende, niedrigschwellige Zugänge gestaltet werden müssen, um strukturell ausgeschlossene Zielgruppen — etwa bildungsferne Jugendliche oder sozial benachteiligte Familien — verlässlich einzubeziehen.

03

Politische Bildung & Medienkompetenz

Schulen mit Auszeichnungen wie „Schule ohne Rassismus" sind bereits wichtige Knotenpunkte demokratischer Bildung. Offen bleibt, wie die Zusammenarbeit mit ihnen systematisch vertieft und auf weitere Schulen ausgeweitet werden kann, insbesondere im Hinblick auf Medienkompetenz und den Umgang mit Desinformation in sozialen Netzwerken.

04

Kooperations- & Netzwerksteuerung

Die Vernetzung zwischen Verwaltung, Jugendarbeit, Polizei und Zivilgesellschaft ist heterogen und teilweise von Konkurrenz um Fördermittel überlagert. Es braucht Antworten darauf, wie engere sektorübergreifende Zusammenarbeit auch ohne unmittelbaren Mitteldruck dauerhaft tragfähig organisiert werden kann.

05

Tragfähige Wirkungsbeobachtung

Die befragten Akteur:innen bewerten den Erfolg ihrer Arbeit mit sehr unterschiedlichen Maßstäben — von U18-Wahlergebnissen über Projektzahlen bis zur reinen Präsenz. Eine gemeinsame Verständigung darüber, welche realistisch erhebbaren Indikatoren tatsächlich aussagekräftig sind, würde Lernen und Steuerung erleichtern.

Fazit

Nicht das Fehlen von Angeboten begrenzt die Demokratieförderung — sondern Reichweite, Verbindlichkeit und Vernetzung.